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Helle Tirler

Als sie sich anfangs der 50-er Jahre von Berlin in Richtung Rio de Janeiro aufmachte, plante die Krankenschwester Helle Landsberger, zwei Jahre in Brasilien zu bleiben, wo sie lediglich mit einer ehemaligen Berufskollegin befreundet war. Als sie schließlich nach über zwei Jahrzehnten in ihr Heimatland zurückkehrte, hatte sie aus dem Nichts die Deutsche Schule Rio de Janeiro geschaffen.
2015 feiert die Deutsche Schule Rio de Janeiro nun das 50. Jubiläum des Gründungsjahres. Sie gehört heute zu den angesehensten Schulen in der Stadt Rio de Janeiro und genießt unter den deutschen Schulen in der Welt einen besonders guten Ruf.

Diese Erfolgsgeschichte wurde nur durch die Entschlossenheit von Helle Tirler ermöglicht, die mit ihrer Begeisterung und Hingabe die notwendige Unterstützung für ihr Projekt mobilisierte. „Sie wog kaum 45 Kilo, hatte aber die Kraft von dreien", erinnert sich Frau Margret Möller, die 25 Jahre lang brasilianische Schulleiterin an der DS Rio de Janeiro war.

Die Zierlichkeit von Helle Tirler war mit entscheidend gewesen für ihre Reise nach Brasilien. Wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg befand sich Deutschland noch im Wiederaufbau, und die 1923 geborene Krankenschwester wollte hinaus und die Welt entdecken. Deshalb bewarb sie sich um eine Stelle in einem Krankenhaus im damaligen Französisch-Äquatorialafrika. Sie bekam eine Absage, weil sie einige Probleme mit dem Magen hatte. Dieses Magenleiden begleitete sie ihr Leben lang, weshalb sie auffallend schlank war.
So kam ihr die Einladung ihrer Freundin gerade recht und sie entschied sich, für einige Jahre in Rio de Janeiro zu leben.

Innerhalb kurzer Zeit hatte sich Helle in der damaligen Hauptstadt Brasiliens eingelebt. Sie arbeitete als Fotografin. Den Beruf hatte sie noch zu Jugendzeiten erlernt. Sie begann auch in einem kleinen Orchester in der Stadt Blockflöte zu spielen. So lernte sie Frederico Tirler kennen, einen leidenschaftlichen Freizeitmusiker, von Beruf Kaufmann, den sie wenig später heiratete, wodurch sie zu ihrem neuen Nachnamen kam, unter dem wir sie heute kennen.

Nach der Eheschließung mit Frederico, der bereits verwitwet gewesen war, übernahm die ehemalige Krankenschwester die Erziehung seiner vier Töchter aus erster Ehe. Hinzu kamen noch zwei Jungen, die Helle in den Jahren 1956 und 1958 gebar.

Mit dem Heranwachsen der Kinder wuchs auch die Sorge um deren schulische Zukunft. Die Eltern waren unzufrieden mit der Qualität der Bildung, die ihre Töchter in der Cruzeiro-Schule, die damals eine finanziell sehr schwierige Zeit durchlebte, erhielten. Alle Versuche, hier verbessernd einzugreifen, zeigten keine Früchte. Da es keine andere deutsche Schule gab, beschloss Helle Tirler zu handeln: „Wir hatten keine andere Wahl, als selber etwas zu unternehmen“, schrieb sie später über diese Zeit.

So begann sie 1958 bei einer Nachbarin eine Ausbildung zur Lehrerin. Der Unterricht orientierte sich an der Waldorf-Pädagogik, die besonderen Wert auf individuelle Entwicklung und die künstlerische Entfaltung der Kinder legt. Helle hatte als kleines Kind eine reformpädagogische Schule in Berlin besucht, die dem gleichen Prinzip folgte, was sie, laut Berichten von Bekannten, ein Leben lang geprägt hat. Nicht nur ihre Leidenschaft für die Bockflöte rührte aus jener Zeit.

Es waren insgesamt 12 Mütter, die sich für den Kurs eingeschrieben hatten, aber eineinhalb Jahre später waren  nur noch Helle und die Schweizerin Esther Schmid übriggeblieben. Sie entschlossen sich, gemeinsam einen Kindergarten in der Wohnung der Familie Schmid in Santa Teresa zu eröffnen.

Ein halbes Jahr später musste der Kindergarten bereits umziehen, weil sich Nachbarn über den Lärm beschwert hatten. Die Kinder wurden nun in einem kleinen Haus auf dem Grundstück der Familie Tirler betreut, das einen großen Garten besaß. Innerhalb kurzer Zeit hatte die kleine Schule 40 eingeschriebene Schüler – Kinder der deutschen Gemeinde und aus brasilianischen Familien der Nachbarschaft. Zu den beiden ursprünglichen Lehrerinnen kam noch eine Brasilianerin hinzu.

Nachdem die Schule - die in Brasilien unter dem Namen “Curso Primário Santa Teresa” eingetragen war - kontinuierlich weiter gewachsen war, suchte Helle mehrfach Unterstützung bei der Deutschen Botschaft. Sie hoffte, die kleine Schule in eine von der deutschen Regierung anerkannte Institution umwandeln zu können, so dass sie Anrecht auf finanzielle und personelle Unterstützung von Deutschland erhalten würde.

Über ein Jahr lang wurde sie abgewiesen. Die einzige Unterstützung, die sie erhielt, kam in Form von didaktischem Material. Aber Helle Tirler war nicht der Typ, der aufgab. Nachdem sie die wertvolle Hilfe von Frau Schmid verloren hatte, die 1963 in die Schweiz zurückgekehrt war, entschied sie sich, ein weiteres Mal einen Antrag zu stellen. Diesmal wurde sie bei ihren Verhandlungen mit der Botschaft durch den einflussreichen Geschäftsmann Hans Ulrich Stoltz unterstützt, der als Vater von zweien ihrer Schüler leidenschaftlich Partei für die Initiative ergriff. Ihrem Wunsch auf Anerkennung als Deutsche Auslandsschule wurde schließlich nachgekommen und die Botschaft gab die Zusicherung, dass ihr Antrag nun den deutschen Kultusbehörden zur Prüfung vorgelegt würde. Nun musste in kürzester Zeit ein Schulverein gegründet und eine Satzung ausgearbeitet werden. Der Aufwand lohnte sich: Wenig später kam die so ersehnte Genehmigung aus Deutschland.

Die darauffolgenden Monate waren geprägt von Arbeit: man musste eine neue Bleibe finden, einen Schulleiter unter den vielen Kandidaten aus Deutschland auswählen, neue Lehrer einstellen und die Familien überzeugen, ihre Kinder in der Schule einzuschreiben – all das natürlich ohne Unterbrechung des normalen Unterrichtsgeschehens der einzigen Klasse, die noch im Hause der Tirlers in Santa Teresa verblieben war.

Helle Tirler war am ganzen Prozess sehr aktiv beteiligt: sie reiste eigens nach Deutschland, um den zukünftigen Schulleiter persönlich zu interviewen, und als endlich der Hauptsitz der Schule gemietet worden war, half sie dabei, das gesamte nötige Material in vielen Fahrten im Dodge ihres Mannes zu transportieren. Im März 1965, nach einem Jahr voller intensiver Vorbereitungsarbeiten, konnte dann endlich der Unterricht in der neuen Escola Corcovado in Urca beginnen.

Der Glaube an das Gelingen schweißte alle Beteiligten zusammen und das Vertrauen der Schülereltern in das Projektes war so groß, dass die Anmeldezahlen stetig zunahmen und schon bald nach einem größeren Gebäude für die vielen neuen Klassen gesucht werden musste.
In den folgenden Jahren waren die Unterrichtsräume der Schule teilweise an drei verschiedenen Orten in Urca  untergebracht, bis schließlich 1973, nach nur 8 Jahren, das heutige Schulgebäude in der ehemaligen Residenz des US-amerikanischen Botschafters in Botafogo bezogen werden konnte.

Zur Erfolgsgeschichte der Schule hat sicherlich Helle Tirler auch als Musiklehrerin entscheidend beigetragen. Anspruchsvoll und engagiert rief sie einen Schülerchor ins Leben, der sogar eine Platte veröffentlichte, an Fernsehprogrammen teilnahm und viele Schulchor-Wettbewerbe gewann. So wurde die Schule immer bekannter und größer.
Die ursprünglich verfolgte Waldorf-Pädagogik konnte nun nicht mehr aufrechterhalten werden, aber als leidenschaftliche Verfechterin der Reformpädagogik setzte Helle Tirler alles daran, dass die künstlerische Erziehung in der Corcovado-Schule einen wichtigen Stellenwert beibehielt – was zu dieser Zeit im brasilianischen Schulszenario nicht gewöhnlich war.

Viele ihrer Schüler und Kollegen erinnern sich bis heute noch an die Begeisterungsfähigkeit, die Ernsthaftigkeit und Strenge, mit der sie ihren Unterricht hielt. Sie stand vor der Klasse, begleitete ihren Vortrag mit ausladenden Gesten und ließ keinen Zweifel darüber aufkommen, dass das, was im Unterricht geschah, von großer Bedeutung für das Leben ihrer Schülerinnen und Schüler war.

Helle Tirler glaubte auch daran, dass jedes Kind fähig ist, eine musikalische Begabung zu entwickeln, solange es entsprechend gefördert wird. Sie ließ ihre Schülerinnen und Schüler deshalb nicht nur üben, sondern sie griff mitunter auch zu ungewöhnlichen Methoden. Wenn es ein Schüler zum Beispiel nicht schaffte, höhere Töne zu erreichen, ließ sie ihn kurzerhand auf dem Tisch stehend singen.

Aber ihr Einsatz für die Schule ging weit über die Mauern des Hauptsitzes in Urca hinaus. Über Jahre hinweg stellten Helle und Frederico mehrmals das Ferienhaus der Familie in Penedo, im Süden des Bundesstaats Rio de Janeiro, für Schulausflüge zur Verfügung. Der Ausflug in die Natur und die vielen dort gebotenen spielerischen und kulturellen Aktivitäten wurden von den Kindern sehnsüchtig erwartet.

Der große Einsatz Helle Tirlers, die Gründung und Konsolidierung der Deutschen Schule Rio de Janeiro als Begegnungszentrum zwischen der deutschen und brasilianischen Kultur mitten im Herzen der Großstadt Rio de Janeiro brachte ihr eine wichtige Auszeichnung ein. Im April 1972 bekam sie im Deutschen Generalkonsulat in Laranjeiras das Bundesverdienstkreuz verliehen. Ein Jahr später, kurz vor ihrem 50. Geburtstag, beschloss sie aus gesundheitlichen Gründen nach Deutschland zurückzukehren, so dass sie den Umzug der Schule nach Botafogo nicht mehr miterlebte.
Am 10. April 1973, dem Tag ihrer Abreise, erschien die Schulgemeinde zahlreich am Flughafen. Vor den Augen der vermutlich verwunderten anderen Fluggäste dirigierte Helle Tirler ein letztes Mal ihren Schulchor.

In Deutschland ließ sie sich in Wanne-Eickel nieder, in einer Industriestadt des Ruhrgebiets, die später mit Herne zusammengeschlossen wurde. Dort gab sie schon bald wieder Musikunterricht und hielt trotz der räumlichen Distanz den Kontakt zur Deutschen Schule Rio de Janeiro bis zu ihrem Ableben. In intensivem Briefaustausch mit alten Freunden erkundigte sie sich regelmäßig über die Entwicklung der Schule, die sie ins Leben gerufen hatte. „Sie war immer stolz darauf, an der Realisierung einer erfolgreichen Idee mitgewirkt zu haben“ erinnert sich ihre Nichte Renate Tirler. „Die Schule war wie ein Kind für sie“.