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Urca

In einem zweistöckigen Haus mit nur vier Räumen, einer Garage und einem kleinen Hof begann die Deutsche Schule Rio de Janeiro im März 1965 ihre Tätigkeit. Das Haus befand sich in einer ruhigen Straẞe namens Rua Osório de Almeida, im Stadtteil Urca. Damals bestand die Schülerschaft aus nur 40 Schülerinnen und Schülern sowie fünf Angestellten, von denen die meisten Deutsche oder Nachkommen von Deutschen waren.

In den Monaten zuvor hatte Erik von Davidson, Präsident des Schulvereins „Sociedade Escolar e Beneficente Corcovado“ und leitender Angestellter des Pharmakonzerns Merck, auf der Suche nach einem für die Einrichtung einer Schule geeigneten Gebäude ca. 40 Liegenschaften besucht. Das Haus im Stadtteil Urca war das geeignetste – auch wenn die Bedingungen nicht gerade ideal waren.

Im ersten Jahr nahm die Schule ihre Tätigkeit mit einer Kindergartengruppe und drei Grundschulklassen auf. Es gab keinen Platz für den Sportunterricht, aber die Lage der Schule war vortrefflich: man musste die Schülerinnen und Schüler nur in einer Reihe aufstellen und mit ihnen wenige hundert Meter bis zum Strand Praia Vermelha laufen, wo sich die Kinder an der frischen Luft austoben konnten. „Wir hielten uns alle an einem Seil fest, und gingen in einer langen Reihe bis zum Strand“, erinnert sich Brigitta Grundig, die im Jahr 1965 die erste Klasse besuchte.

Innerhalb kurzer Zeit wurden die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten zu eng, um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden. Die Zahl der  Interessenten nahm ständig zu, da sich die Schule nicht zuletzt wegen des berühmten Chors von Helle Tirler einen Namen gemacht hatte. Bis zum Beginn des Schuljahres 1966 war die Anzahl der Schülerinnen und Schüler bereits auf das Doppelte angewachsen und bestand nun aus 87 Schülerinnen und Schülern. Damit alle Klassen unterrichtet werden konnten, musste eine der Klassen in der Garage untergebracht werden, die zu einem Klassenzimmer umfunktioniert wurde. Auch aus dem Lehrerzimmer wurde ein Klassenzimmer.

Gleichzeitig war man auf der Suche nach einem zusätzlichen Schulgebäude. Monate später konnte nun endlich der Mietvertrag eines neuen Hauses unterzeichnet werden, das Ende 1966 feierlich eingeweiht wurde. Genauso wie das erste Haus hatte auch dieses zwei Stockwerke, wenige Räume, eine Veranda, einen kleinen Garten und eine Garage. Der Hauptunterschied lag darin, dass dieses Haus an der viel befahrenden Straẞe Avenida Pasteur lag – was sich später wegen des Straßenlärmes als problematisch erwies.

Damals jedoch überwogen die Vorteile. Um von einem Schulgebäude zum nächsten zu gelangen, musste man nur 300 Meter gehen. Dies vereinfachte die Beförderung der Kinder und auch die Wege der Lehrerinnen und Lehrer. Dank der zusätzlichen Räumlichkeiten konnten zu Beginn des Schuljahres 1967 weitere 36 Kinder aufgenommen werden. Es wurden auch neue Lehrer eingestellt und es war nicht ungewöhnlich, dass Mütter im Unterricht aushalfen.

Ein weiterer Vorteil bestand in der Nähe zu den Militäranlagen und der Universidade Federal do Rio de Janeiro, wo der Sportunterricht abgehalten werden konnte. Die Garage des zweiten Schulgebäudes wurde in ein Physiklabor und in einen Kunstraum umgewandelt, sodass die Kleinen ihre Kreativität und ihre Entdeckungsfreude besser ausleben konnten.

Die Schule wurde zunehmend bekannter und beliebter, sodass die Anzahl der Anfragen auf Neuaufnahme fortlaufend anstieg. Zu Beginn des Jahres 1969 besuchten bereits über 200 Schülerinnen und Schüler die Bildungseinrichtung, sodass der Raum wieder nicht ausreichte. Das Lehrerzimmer wurde in die Eingangshalle verlegt, um das Problem teilweise zu beheben; kurz daraufhin jedoch war man sich auch in Deutschland darüber einig, dass zwei zusammenhängende Häuser mit den Hausnummern 445 und 449 in der Avenida Pasteur, zusätzlich zum ersten und zweiten Schulgebäude, angemietet werden sollten. Zwischen diesen neuen Häusern und dem zweiten Schulgebäude befand sich eine andere Schule.

Für die Lehrerinnen und Lehrer bedeutete diese Phase ein konstantes hin und her. Der Kindergarten verblieb im ersten Schulgebäude und die anderen Schulklassen wurden je nach Anzahl der Schüler auf die Klassenräume der anderen Häuser verteilt. „Das war verrückt! Wir liefen den ganzen Tag von einem Haus zum anderen”, erinnert sich Margret Möller, die an der Schule zuerst als Grundschullehrerin tätig war und später Schulleiterin wurde.

Der zunehmende Verkehr an der Avenida Pasteur störte den Unterricht und die ständig wachsende Schülerzahl in den Klassenzimmern führte zu Enge. Im Sommer war die große Hitze nur schwer zu ertragen. Trotz allem erzielte die Schule auch weiterhin gute Ergebnisse und war vor allem wegen des Musik- und Kunstunterrichts hoch angesehen.

"Die Arbeit - erschwert durch materielle Nöte - lebte vom Schwung und Idealismus, der einem solchen Anfang innewohnt.", schrieb Jahre später die Gründerin der Schule, Frau Helle Tirler.

Diese Schwierigkeiten konnten jedoch erst im Jahre 1973 überwunden werden, als die Schule in das neue Gebäude umzog – dasselbe, in welchem sie nun ihr 50-jähriges Bestehen feiert.